Von Nordlichtern, Hundeschlitten und meiner neuen Liebe. Xaver ganz oben.

Treue Fans erinnern sich vielleicht, dass ich zum Jahreswechsel auf meiner Webseite ein paar – ziemlich vermessene – Wunschziele für das Jahr 2014 veröffentlicht habe. Unter anderem stand da ganz keck: „Ich möchte, nachdem es mir in der Hafenstadt Bergen so gut gefallen hat, noch weiter hoch in den Norden Norwegens." Dabei habe ich auch was von Mitternachtssonne und so gefaselt.

Aber Ihr wisst ja: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

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Es kommt nämlich – festhalten – noch viel, viel toller! Und zwar so: Ich kriege eine E-Mail von Johanna, mit der ich nun schon mehrmals unterwegs war, und darin steht: „Xaver, bist du seetauglich? Magst du mit mir Ende März auf einem Hurtigrutenschiff von Bodø nach Kirkenes schippern?" Da bin ich erst mal vom Stuhl gekippt und habe etwas später die Suchmaschine befragt. Nicht zu fassen, diese Wahnsinns-Reise beginnt in Bodø, das bereits nördlich des Polarkreises liegt! Und sie endet im Städtchen Kirkenes, ganz ganz weit oben in Norwegen. Keine zehn Kilometer trennen die Stadt am Varangerfjord von der Grenze zu Russland, und nach Finnland sind es nur schlappe 35 Kilometer. Aufgeregt sage ich zu. Meine erste Schiffsreise. Und dann auch noch auf einem Hurtigruten-Schiff! Xaver restlos sprachlos!

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Johanna und ich werden auf der MS Nordkapp zu Gast sein. Was für eine Freude! Was für eine Ehre! Ich lese mich ein, bereite mich auf die Reise vor und staune, wie viel Tradition ich bald erleben darf:
Vor 120 Jahren wurde die traditionelle Postschifflinie Hurtigruten vom Kapitän und Kaufmann Richard With gegründet. Das erste Dampfschiff, die DS Vesteraalen, nahm am 2. Juli 1893 von Trondheim aus Kurs auf Hammerfest.
Heute fahren die elf kombinierten Fracht-, Post- und Passagierschiffe die 2465 km lange Küstenlinie Norwegens zwischen Bergen und Kirkenes in sechseinhalb Tagen ab. Wer den Rundtrip bucht (Bergen-Kirkenes-Bergen), passiert in 13 Tagen ganze 34 Häfen und während der Sommermonate zusätzlich den Trollfjord und den Geirangerfjord. Die Hurtigruten-Strecke ist neben ihrer eigentlichen Funktion als Transportmittel längst zur international bekannten Touristenattraktion geworden und die berühmteste Marke Norwegens. Zur Flotte der Hurtigruten gehört auch das Expeditionsschiff MS Fram.
Na dann, los geht's, Leute!

Von München nach Oslo im Flieger. In Oslo landen wir so früh an, dass wir Zeit haben, uns die Stadt anzuschauen. Wir bummeln durch die City, lassen uns treiben, ziehen uns ein paar Sehenswürdigkeiten rein und stellen erneut fest, wie entspannt und lässig es in Norwegen zugeht.

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Im Königlichen Schloss sitzen wir im Park in der Sonne, am Hafen trinken wir Kaffee, wir machen coole Bilder an der Oper, einem tollen Gebäude, das einem Eisberg nachempfunden ist. Und: Wir sind nervös, voller Vorfreude. Denn morgen früh fliegen wir weiter nach Bodø, wo wir dann an Bord der MS Nordkapp gehen.

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Und das sind wir:
Johanna – eh klar –, Dieter, Jens und Nina (alle aus Deutschland), dann Lieve und Sarah aus Belgien, Teresa, Patrik und Paul aus England ... uuuuuuuuund: Tim aus Kanada.
Die Truppe ist super und nimmt mich tierisch herzlich auf. Und Tim: Das ist so ziemlich der coolste Typ, den ich bisher kennengelernt habe. Der taugt echt als Vorbild. Er reist die ganze Zeit, durch die ganze Welt, ist also permanent auf Achse und schreibt wunderschöne Texte darüber. Ich glaub sogar, der ist ein ziemlich gefragter Journalist in Kanada. Auf jeden Fall habe ich mich supergut mit ihm verstanden.
Witzig: An besonderen Orten lässt sich Tim immer in einer bestimmten Pose ablichten. Dazu breitet er die Arme aus, als wollte er sagen: „Schaut her, wo ich wieder bin!" Diese Pose wird bald zum Running Gag auf unserer Reise. Wir posen alle und ständig. Ich natürlich auch. Tim hat sich von diesen Poser-Fotos gleich unterschiedliche Visitenkarten anfertigen lassen.

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Es passiert gleich am ersten Tag. Ich betrete das Schiff, gehe mit Johanna in die Kabine und später an Deck. Und es ist unfassbar schön. Wir stehen und schauen. Manchmal, wenn die Temperaturen es zulassen, sogar stundenlang. An dir zieht eine sagenhafte Landschaft vorbei. Du kannst dich an dieser Kulisse, in der wir uns die nächsten Tage bewegen, einfach nicht sattsehen. Die Fjorde, die Berge, die bunten Häuser, die Sonne, das Wasser, die Ruhe, das Licht ... Ich verliebe mich vom Fleck weg in diese Art zu reisen. Eine Schiffsreise mit Hurtigruten ist einfach genial. Außerdem geht es an Bord sehr (!) leger zu. Wir müssen uns weder fein anziehen, noch uns irgendeinem Animationsprogramm unterwerfen. Wir konzentrieren uns auf die Reise, auf die Landschaft und unterhalten uns mit den überaus netten Passagieren aus der ganzen Welt. Dass es mittags und abends auch noch köstliche Spezialitäten aus der regionalen norwegischen Küche gibt, ist das Sahnehäubchen dieser Tour.

Jetzt höre ich schon die ersten Stimmen, dass so was ja irgendwann langweilig werden könnte. Tut es nicht! Außerdem läuft man ja immer wieder einen Hafen an und kann sich die Beine vertreten oder – was wir gemacht haben – einen sportiven Ausflug dazubuchen und sich in der jetzt noch sehr winterlichen Landschaft vergnügen.

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Als wir z. B. in Finnsnes anlegen, holt uns ein Kleinbus ab. Er bringt uns ins Tamok-Tal. Dort erwarten uns die Guides des Wilderness Adventure Camp. Und jetzt kommt's: Wir dürfen auf Hundeschlitten fahren und die auch wirklich selber lenken! Was für ein eindrückliches Erlebnis. Ich träume immer noch davon. Danach haben uns noch Rentiere auf einem Schlitten durch die Winterlandschaft gezogen. War auch schön, aber das Erlebnis mit dem Hundeschlitten war ein noch größeres Highlight. Auch ich als Sockenhund musste erst mal ein Gefühl für die Kollegen entwickeln, damit alles gut klappt und man ordentlich Gas geben kann. Das Lenken eines Hundeschlittens kommt mir vor wie eine Mischung aus Ski- und Autofahren. Lenken, bremsen, sich in die Kurven legen, die Kollegen unterstützen, indem man sie bei Anstiegen entlastet und mitläuft. Und schön sind sie, diese Hunde. Laut, lebendig, unruhig, jederzeit bereit. Rasend schnell.

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Tags darauf verlassen wir erneut unser Schiff für ein paar Stunden und fahren in das Fischerdorf Skarsvåg in der Finnmark. Das Dörfchen liegt nur ein paar Kilometer vom berühmten Nordkap entfernt. Keine 100 Menschen leben hier. Während am Nordkap die Touristen in Bussen angekarrt werden, geht es hier mehr als beschaulich zu. Hier gibt es nur ein paar Häuser und Fisch. Sehr viel Fisch. Jeder, der hier lebt, hat mit dem Fischfang zu tun. Wir dürfen in einer Halle bei der Verarbeitung zuschauen. Später kehren wir bei Heidi zu Hause ein und essen selbstgemachte Waffeln. Die Fahrt zurück zum Schiff wird der absolute Traum. In dieser hügeligen Landschaft, tief verschneit und menschenleer, möchte ich mal auf Skiern unterwegs sein. Vielleicht klappt es ja auch mit diesem Wunsch. Wer weiß?

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Als wir in Kirkenes ankommen und von Bord der MS Nordkapp gehen, bin ich richtig traurig. Ich will bleiben! Andererseits lockt uns ein ziemlich starkes Programm an Land. Wir fahren mit Michael – er stammt ursprünglich aus Deutschland und lebt seit ein paar Jahren in Kirkenes – auf Schneemobilen über einen zugefrorenen Fjord. Mittendrin bleibt Michael stehen und packt schweres Gerät aus. Wir bohren ein Loch ins dicke Eis und fangen mit Körben King Crabs satt. King Crabs, ja, die ganz die großen Dinger. Tatsächlich darf man das, denn sie sind streng genommen eine Plage und bedrohen die Fischbestände im hohen Norden Norwegens. Sie haben hier nämlich keine natürlichen Feinde und vermehren sich wie verrückt. Keine 15 Minuten später bereiten wir unsere Beute in einer zauberhaften Hütte selbst zu und verspeisen die Köstlichkeiten sofort.

Dass wir die letzte Nacht in Norwegen im Eishotel – arg kalt, aber ein tolles Erlebnis – verbringen und vor dem Zubettgehen noch nachts selbst auf Schneemobilen über einen zugefrorenen Fjord düsen dürfen, toppt den Tag in Kirkenes.

So, und nun noch das Wichtigste: Zwei Mal, Leute, zwei Mal in nur vier Tagen hat Xaver ein Nordlicht gesehen!! Jeweils an Bord. Einmal, das Wetter ist gar nicht vielversprechend, sitzen wir alle vorm TV und schauen gebannt Championsleague. Es ist kurz vor 22 Uhr. Dann plötzlich – über Bordfunk – die Ansage: „Northern Lights!" Ihr könnt euch nicht vorstellen, was da auf dem Schiff los ist. Alle laufen wild durcheinander. Alle an Deck. Nur auf welche Seite? Lauf Xaver, raus Xaver, schnell Xaver!
Ich bin voll ergriffen, als ich die flüchtigen grünen Lichtgeister am Himmel tanzen sehe, dass ich vor Freude ein paar Tränen vergieße ...

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Und hier noch mein Zertifikat, dass ich die Nacht im Snowhotel in Kirkenes a) tapfer angetreten und b) unbeschadet überlebt habe.

Für dieses unvergessliche Erlebnis danke ich Johanna, Nina, Lieve, Sarah, Tim, Dieter, Teresa, Patrik, Jens und Paul! - My Arctic Crew! Thanks for the outstanding days with you!
Herzlich,
Euer Xaver Cool!

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Warum wir auf Berge steigen? Weil sie da sind!

(Sir Edmund Hillary)