Grandiose Tour über weiße Gipfel. Xaver auf der Haute Route.

Wenn man sich auf was richtig Großes vorbereitet, dann kann das ganz schön Nerven und auch Zeit kosten: Das fängt mit dem Anpassen eines Klettergurts an (für mich gibt's halt nichts von der Stange), dann muss der natürlich im Einsatz getestet und anschließend noch in Abstimmung mit meiner Trägerin optimiert werden. Die Anfertigung und die Trockenproben bei Freia waren noch einfach und auch ganz cool – wie ich da so auf ihrem Balkon am Seil hing. Aber dann sind wir zur ersten Testtour unter „Echtbedingungen" aufgebrochen. Um mal C-3PO zu zitieren: Schalt mich ab!

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Am 27. Juni ging es dann los: mit dem Auto durch die Schweiz nach Chamonix! Mei, is des schee, wenn du das Mont-Blanc-Massiv das erste Mal siehst! Am Samstag sind wir gleich ganz früh aufgestanden, weil wir mit der Bergbahn auf den Aiguille du Midi hochfahren wollten. Da muss man in zwei Etappen auf immerhin 3842 m hoch, da wird die Luft schon mal dünn. Puh, nur gut, dass ich das nicht laufen musste ... Leider war das Wetter nicht so richtig schön – deshalb hielt der Ausblick sich in Grenzen, und es war einigermaßen kalt. Wir zwei waren natürlich mit Daunenweste und Fell anständig ausgerüstet, aber der eine oder andere Tourist aus Amerika oder Asien hat in Sandalen und Sommerkleidchen oder Shorts bös gefroren. Jedenfalls haben wir uns schon mal den Einstieg in die Tour zum Mont Blanc angeguckt, und Freia hat mich zur Abschreckung auch ans Tor gehängt. Weiß gar nicht, warum, denn diese Tour würde ich jederzeit machen! Mal sehen, ob sich da mal jemand von Euch dazu überreden lässt ... Zum Abschluss haben wir uns noch die Rundfahrt mit der Kabinenbahn über den Riesengletscher Glacier du Géant bis zur Helbronner Spitze in Italien gegönnt, von wo aus wir ganz viele große Gletscher mit sehr eindrucksvollen Spalten bewundern konnten. Und natürlich die vielen Seilschaften, die zum Mont Blanc laufen und wieder zurück.

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Nachdem wir wieder unten waren, war endlich offizieller Start: wir sind mit dem Auto in den kleinen Vorort „Le Tour" gefahren, wo wir uns mit dem Bergführer getroffen haben. Der Klaus ist ein ganz patenter Kerl und hat sich gefreut, dass ich dabei bin. Klar, war ja auch der einzige Mann in der Gruppe. Der Rest bestand aus vier Frauen. (War für mich aber gar nicht schlecht, da Frauen doch sehr liebevoll mit mir umgehen.)
Nachdem wir die Unterkunft im Tal bezogen hatten, gab es die erste Lagebesprechung. Die Tour musste gleich mal umgeplant werden, da es in der Nacht oben 40 cm Neuschnee geben sollte und auch noch Sturm mit bis zu 80 km/h. Nach dem Abendessen stand fest: Wir marschieren nicht über den Gletscher, sondern „unten rum". Also morgens im strömenden Regen los (ich habe mich in meine trockene und warme Außentasche verzogen): mit der Bergbahn zum Col de Balme, dann über den Forclaz-Pass auf und ab nach Champex d'en Haut in die Gîte bon Abri. Das waren mit Pausen knapp neun Stunden und streckenmäßig das, was ursprünglich für zwei Tage geplant war (ca. 20 km mit 2600 hm im Abstieg und 900 hm im Aufstieg). Für diese Strapaze hab ich der Freia abends erst mal einen Schnaps bestellt!

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2. Tag: Es fing ganz bequem im Taxi an: Wir mussten nämlich ein Tal weiter zum Lac de Mauvoisin. Auf den ersten Metern führte uns der Weg durch einen Stollen am Stausee vorbei und dann endlich mit Sonne weiter durch wunderschöne Wiesen. Hier habe ich mein erstes Edelweiß gesehen!!! Es gab natürlich auch andere hübsche Blümchen, aber das war schon ein Bergsteiger-Highlight! Der Klaus kennt sich nämlich nicht nur mit dem Bergsteigen aus, sondern auch mit den Pflanzen – deshalb gab es nebenbei immer interessante Informationen für Naturliebhaber wie mich.
Die heutige Tour war nur drei Stunden lang, also haben wir eine lange Pause in der Sonne gemacht. Und hier habe ich dann endlich ein Murmeltier erspäht! Um 16 Uhr waren wir dann bei der Cabane de Chanrion und wurden vom Hüttenwirt vor der Tür empfangen. In der Nachmittagssonne habe ich dort die Bergschuhe meiner Truppe bewacht und mir dabei den Rücken gewärmt.

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3. Tag: Aufstehen ist hier echt früh angesagt: Frühstück bekamen wir heute um 6 Uhr!

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Nach ca. zwei Stunden Wanderung langten wir dann endlich auf dem ersten Gletscher an. Ich war ziemlich aufgeregt, als die sich alle die Steigeisen angezogen haben. Ich selber brauch das nicht – habe ja schöne Krallen! Auf jeden Fall trabten wir acht km weit über den Otemmagletscher, flankiert von großartigen Bergen und bei herrlichstem Wetter! Nach einem letzten kurzen Aufstieg am kurzen Seil erreichten wir dann die Hütte für diese Nacht: die Cabane des Vignettes – sehr prominent gelegen und von Weitem fast nicht zu erkennen, wie sie da an den Fels gebaut ist.

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4. Tag: Nachdem es in der Nacht geschneit hatte, mussten wir wieder eine außerplanmäßige Route nehmen. Der Neuschnee macht die Gletscherspalten unsichtbar, und auf der Originaltour gibt es davon eine ganze Menge. Das ist selbst am Seil zu gefährlich. Deshalb stiegen wir komplette 1160 hm nach Arolla ab und anschließend 1300 m zur Cabane de Bertol (3311 m) wieder auf. Am Schluss muss man auf dem Weg zu diesem Adlerhorst über Schnee, Gletscher, Eis und Fels und einen kurzen Klettersteig. Starker Schneefall und Nebel haben uns auf den letzten Metern behindert, aber auch das haben wir alles gut gemeistert. Hier waren wir dann mit einer größeren Gruppe Franzosen zusammen im Schlaflager. Das war ganz schön eng und nicht so richtig sauerstoffreich – das Fenster war nämlich leider nachts zu. Aber nachdem ich gehört hatte, dass es Frühstück schon um 4.30 Uhr gibt, hatte ich mich abends eh entschieden, früh in meine private „Schlafkabine" zu verschwinden. Halb fünf! Das ist mir entschieden zu zeitig. Ich habe der Freia einfach gesagt, sie soll mich morgens nicht wecken. Ich würde mich dann schon melden, wenn ich fit für den großen Gipfelaufstieg bin. Den ersten Teil muss sie dann halt mal ohne meine Unterstützung machen.

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5. Tag: Vom Frühstück und dem Abstieg über die auch auf dieser Seite steilen Leitern runter auf den Gletscher habe ich prompt nichts mitgekriegt. Erst als ich auf halber Strecke aufwachte, bekam ich alles erzählt. Da habe ich nämlich so lange rumort, bis ich wieder rausdurfte. So ein eigenes Fach ist halt ganz ähnlich wie eine Hundehütte: reinkriechen und schlafen oder rauskriechen und teilnehmen am (Berg-)Leben. Kaum war ich draußen, habe ich auf einmal unseren Zielgipfel, den Tête Blanche, und das Matterhorn gesehen! Den Tête Blanche erreichten wir um 9 Uhr früh – bei bestem Wetter und einer gigantischen Aussicht bis zum Mont Blanc und noch weiter! Kaum zu glauben, dass das Wetter gestern Nacht so grauenvoll gewesen sein sollte. Nur der tiefe Neuschnee zeugte noch davon.

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Jetzt, an unserem letzten großen Tag, mussten wir uns noch mal so richtig anstrengen. Es war alles geboten, was das Bergsteigerherz so liebt: Abseilen im Fels, Muränen-Laufen, Abklettern über eine Eiszunge am Seil, das der Klaus uns gelegt hatte, und zu guter Letzt auch noch einen glatt getretenen und nur mit einem einfachen Seil schlecht gesicherten Klettersteig. Aber dafür lag dann die letzte Hütte der Tour genau gegenüber vom Matterhorn. Auf der Schönbielhütte wurde endlich wieder deutsch gesprochen (na ja, mit Französisch hab ich so meine Schwierigkeiten) und das Lager war auch wieder ein etwas komfortableres – da schläft man doch gleich besser.

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6. Tag: Nach einem schnellen Abstieg von knapp 3 Stunden trafen wir in Zermatt ein. Wir hatten es geschafft, wir waren die Haute Route von Chamonix nach Zermatt gelaufen!!! Und das in nur knapp sechs Tagen. Unterwegs hatte ich immer wieder zurück auf den Tête Blanche geschielt, der von hier unten gut zu sehen war. Heute wirkte der schon ganz klein und weit, weit weg. Dafür wird mir diese Woche noch einige Zeit ganz nah sein, so eindrucksvoll waren die Tage in den Bergen!

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Die Strecke von Zermatt mit dem Taxi zurück nach Chamonix hab ich hauptsächlich verschlafen, denn das Wetter wurde wieder schlechter. Nur einmal habe ich kurz aufgeschaut: als wir mit dem Auto über den Pass Forclaz gefahren sind. Hier waren wir letzten Freitag im strömenden Regen am Anfang unserer Tour gewesen.

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Also, ich freue mich jedenfalls schon auf die nächsten Touren – mal gespannt, was die Saison noch so für mich in petto hat!

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Warum wir auf Berge steigen? Weil sie da sind!

(Sir Edmund Hillary)