Von wilden Wänden und labbrigen Leinen. Xaver bei 4 Grad und Regen in der Böhmischen Schweiz.

Alles hatte so schön begonnen. Der Blick auf die atemberaubenden Felstürme der Böhmischen Schweiz, die Kletterei am „Zitrönchen" genannten Felsen, die vielen Slacklines und der coole Zeltplatz. Zwei Tage wähnte ich mich im Paradies. Dann setzte der Regen ein.

Am Anfang war alles bestens. Bei der Ankunft am Zeltplatz in Ostrov war schon ein Plätzchen für uns reserviert, und ich wurde mit lauten Hallo begrüßt. Na ja, das dachte ich wenigstens, bis ich kapiert habe, dass die den echten mitreisenden Hund meinten. Aber da steh ich drüber. Soll ich mich ernsthaft mit einem dicken Labrador messen? Eben! Diese kleine Schmach war auch ganz schnell vergessen, als ich endlich begriffen hab, wo ich gelandet war: in einer absoluten Slackline-Hochburg. Ab da kam ich dann so schnell nicht mehr aus dem Staunen heraus.

DSC03433

Stellt Euch vor, die haben da die längste Slackline Europas! Das Ding ist volle 103 Meter lang. Und wir reden hier nicht von 103 Metern in fünfzig Zentimetern Höhe über dem Boden! Wenn's Euch interessiert, schaut Euch mal dieses Video an. Da sieht man – neben ein paar Wahnsinnstypen – auch ganz toll diese Wahnsinnsgegend.
Gleich als wir ankamen, konnten wir aber erst mal nur schnell das Zelt aufbauen, dann begannen nämlich schon die Feierlichkeiten zur Walpurgisnacht. In der zum Zeltplatz gehörigen Kneipe spielte eine schön laute Kapelle, draußen brannten diverse Feuer, und es gab tschechisches Bier. Herz, was willst Du mehr? Diesen Auftakt ließ ich mir eingehen!
Am nächsten Morgen hab ich dann gleich als Erstes für die ganze Mannschaft Kaffee gekocht. Sonst wären wir wahrscheinlich nie losgekommen.

Xaver kocht Kaffee

Schon der Zustieg machte dann die Warterei aber wieder wett. Durch den Böhmischen Wald mit Blick auf die Felstürme zogen wir los zum Citronek, dem Zitrönchen. Der kleine Felsturm kam uns gerade recht für die ersten Klettereien. Nett als Einstieg, dachten wir. Dass es ganz anders kommen würde, wussten wir da ja noch nicht. Deshalb hatten wir einfach einen schönen Tag. An der einen Seite kletterten die Kinder, an der anderen die Erwachsenen, unten schlief der Labrador. Alle waren zufrieden. Der erste Donner ließ uns kalt, hatten wir doch keine Ahnung, was er uns bringen sollte.

DSC03484

DSC01041

Zurück am Zeltplatz fläzten wir gemütlich rum und beobachteten die Slackliner, die nicht nur ziemlich entspannt über diese wackligen Dinger spazierten, sondern dabei teilweise sogar noch jonglierten. Ich fasste den Plan, am nächsten Tag unbedingt einen von den Jungs zu überreden, mich über so eine waghalsige Line mitzunehmen. Doch auch dazu sollte es nicht kommen. An dieser Stelle hätte ich jetzt gerne ein Runde Mitleid von Euch.

Wir saßen noch einen Abend am Feuer, grillten Würstchen und ließen den Becherovka kreisen. Und dann kam er, der Regen. Und die Kälte. Ich war dankenswerterweise einigermaßen gerüstet, da ich ja bereits Wintercamping-Erfahrung habe. Bei den anderen war ich dann doch erstaunt, wie viele Schichten frau übereinander tragen kann. Ein Michelin-Männchen ist ein Model-Kandidat dagegen. Gefroren haben sie trotzdem. 

An Klettern war bei diesem Wetter gar nicht zu denken. Also machten wir uns auf zu einer kleinen Wanderung. Unterwegs beobachteten wir ein paar unerschrockene Slackliner, die bei ordentlichem Wind wie die Fliegen von ihren rutschigen Lines fielen, und ich war dankbar, unten geblieben zu sein.

DSC03522

Ein saftiges Gulasch, böhmische Knödel und das beste dunkle Bier der Welt brachten mir zwischendurch die Kraft zum Weiterwandern zurück. Nur ein paar Schritte nach dem heimelig warmen Gasthaus stand ich dann in den Tyssaer Wänden und war geplättet. Bis zu 30 m ragten die Felstürme in die Höhe, einer am anderen. Hätte uns die Sonne gelacht, wäre es vor Schönheit gar nicht auszuhalten gewesen.

DSC03532

DSC03548

So hab ich den Blick von oben zwar gesehen, aber leider nur die ersten Meter. Dann endete er in einer undurchdringlichen Mauer aus Regen und Nebel. In meiner Vorstellung ist er trotzdem gigantisch. Meine Gedanken wärmten mich bis zu einer erneuten Einkehr in der Hütte. Ein Hoch auf den heißen Kaffee!

Zurück beim Zelt hab ich den Herrschaften dann erstmal ein Abendessen gemacht und ihnen den Tisch gedeckt. Fast so liebevoll dekoriert wie im Sternehotel. Oder? 

Feuertopf

DSC03492

Abends hielt ich im Regen Stockbrot ins Feuer, versuchte verzweifelt meine Pfoten zu wärmen und fror wie in meinem Leben noch nicht. Nachts wurde es nicht besser. Als mir der Blick aufs Thermometer am nächsten Morgen dann bei strömendem Regen 4 Grad anzeigte, war ich plötzlich gar nicht mehr traurig, dass die Abreise näherrückte. Und eins weiß ich genau: Ich werde wiederkommen, bei Sonnenschein!

Share

Warum wir auf Berge steigen? Weil sie da sind!

(Sir Edmund Hillary)